Ich hab jetzt keinen Bock mehr… so ein Scheiß…

 … sage ich, als wir morgens um 5 Uhr schon seit einer Stunde in der Gegend herumfahren, um einen Zugang zum Fjord zu finden, der nicht an einem Privatstrand endet. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, solange zu suchen, bis ein geeigneter Spot gefunden ist. Doch irgendwann sorgen die vergebliche Suche, die Müdigkeit und die davonrennende Zeit dafür, dass ziemlich Frust aufkommt und ich am liebsten aufgeben würde, um stattdessen an der nächsten Ecke noch ne Runde Schlaf mitzunehmen – der Sonnenaufgang kann mich mal! Die Milchstraße hat mich heute Nacht ja auch nur um den Schlaf gebracht, sich dann aber nicht richtig blicken lassen …
Nur Katjas unermüdlicher Optimismus treibt uns weiter: „Komm wir probieren noch einen aus“ – Tatsache, am Ende des Weges ein öffentlicher Parkplatz, direkter Zugang zum Wasser, schöne Steine und ein Steg als Vordergrund – Perfekt!

Morgenstimmung - Tyrifjord - Norwegen

Morgenstimmung – Tyrifjord – Norwegen

Mir ist an diesem Tag einmal mehr bewusst geworden, dass man als erfolgreicher Landschaftsfotograf den aufkommenden Frust im Griff haben muss!
Häufig entsteht eine völlig falsche Erwartungshaltung weil man im Netz täglich die tollsten Bilder und Geschichten dazu findet. Es sieht so aus, als ob man einfach an einen tollen Ort fährt, aussteigt, ein paar Meter läuft, drauflos knipst und dann kommt nachher ein hammer Bild dabei raus – Doch so ist es eben nicht!

Kaum einer berichtet von den kleinen und großen Niederlagen auf dem Weg, den vielen erfolglosen Fototouren, das öfters mal vergebliche frühe Aufstehen (während andere noch gemütlich im Bett liegen), das Frieren in der Kälte, das oft vergebliche hoffen, dass die Sonne/Milchstraße doch noch hinter der Wolkendecke hervorbricht, weil das Wetter halt trotz diverser Apps nicht zu 100% berechenbar ist. Keiner sieht den Frust, wenn man Stunden oder Tage investiert, bis man endlich zu einem Zielfoto kommt, das dann alle bestaunen.

Auf einmal wird da nämlich am ausgesuchten Spot auf der Klippe ein Restaurant gebaut, die Wolken reißen doch nicht auf, es stehen morgens um halb 6 Angler am Ende des Steges (die passen zwar schön in die Szene – wollen aber keine 5 Minuten für die Langzeitbelichtung stillhalten…)

Aber auch das Fotografieren selbst kann Frust verursachen: die Linse ist wieder mal verschmiert und verursacht unschöne Flares oder die zuvor perfekt ausgerichtete Komposition wird durch störende Spiegelungen der Sonne zwischen ND Filter und Frontlinse zerstört und bis man umgebaut hat ist die Sonne schon über die Bergkante.

Ihr seht – es steckt immer wesentlich mehr hinter einem Foto als man auf den ersten Blick sieht!

Es gibt viele Momente, in denen ich wirklich mit meiner Frustrationsgrenze kämpfen muss, um nicht zu früh den Kopf in den Sand zu stecken. Manchmal hilft da nur die Erfahrung, dass Geduld, Ausdauer und Zähne zusammenbeißen sich meistens am Ende doch irgendwie auszahlen. Es gab schon viele Momente, wie den oben beschriebenen, an dem es dann eben gerade der letzte Versuch war, der dann plötzlich den schon nicht mehr erwarteten Erfolg brachte. Und erstaunlicherweise zeigt ein Blick in meine sozialen Netzwerke, dass meistens sogar genau diese Bilder am besten ankommen, die mich am meisten Nerven gekostet haben! Und nebenbei, sind es auch in der Regel die, die mir selbst am besten gefallen 😉

Milkyway - Rossholmstranda - Norway

Milkyway – Rossholmstranda – Norway

Und wenn es dann tatsächlich einmal nichts wird mit dem perfekten Bild, tja, dann hat es meist einen anderen Mehrwehrt: man hat endlich mal viel vom Tag und kann die Morgenstille genießen (wenn man „vergeblich“ früh aufgestanden ist), man kann den Spot schon mal für andere Tageszeiten direkt vor Ort auschecken (wenn die Wolken einem im Moment einen Strich durch die Rechnung machen), man weiß, wo man auf jeden Fall schon mal nicht mehr hinfahren muss (wenn der Spot echt der totale Reinfall ist), …

Wie überall gehört es dazu, dass es Momente gibt, in denen es weniger Spaß macht oder man mal kämpfen muss, die Devise lautet: „Das Beste aus der gegebenen Situation machen!“

In diesem Sinne viel Spaß bei eurer Landschaftsfotografie und lasst euch nicht unterkriegen!

– Johannes

 

 

 

 

 

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!

Benachrichtige mich zu:
avatar
wpDiscuz