04.30 Uhr – der Wecker klingelt…

… Der Sonnenaufgang wartet nicht auf Langschläfer. Früh morgens, nachmittags, spät abends und nachts entstehen einfach die schönsten Landschaftsfotos – schlafen wird bekanntlich ja eh meistens überbewertet und kann auch zwischendrin nachgeholt werden. Ein Blick aufs Thermometer – es zeigt 5°C – Zum im Auto schlafen also sowieso zu kalt, also lieber raus aus dem Auto und ab zum Spot!

Die besten Bilder entstehen außerhalb der Komfortzone!

Am Freitagmittag, 02.09, wurde bei bestem Wetter das Auto gepackt. Schlafsäcke, ISO Matten, genügend Essen und Trinken und natürlich das ganze Fotoequipment mussten im guten alten Golf verstaut werden.

Ziel ist der Tyrifjord, der mir von einheimischen Fotografen wärmstens empfohlen wurde. Dieses Mal eine für Norwegen erfreulich kurze Distanz, nur 45 km von Oslo entfernt!

Um aus dem Ballungsgebiet eines deutschen Großstadtdschungels zu entfliehen braucht man ja gern mal ein, zwei Stunden und dann fängt auch schon die nächste Stadt an. Das ist hier ganz anders! Kaum los gefahren, lässt man die Stadt auch schon hinter sich und ist wieder umgeben von allerschönster Natur. Ein sehr befreiendes Gefühl – vor allem für uns geborene Landkinder 🙂

Der erste Spot für diesen Tag: Queensview, eine Paraglider Absprungrampe mit atemberaubender Aussicht über den Fjord. Es geht steil bergauf und die Straße wird zunehmend schlechter, am Ende dann ein riesiger Wanderparkplatz. Leider ist der Spot nur spärlich im Netz zu finden, daher geht es auf gut Glück zu Fuß weiter. Noch knappe 1,5 Stunden bis zum Sonnenuntergang…das sollte noch zu schaffen sein! Den immer noch etwas lädierten Fuß in den dicken Bergstiefel gepackt und los geht es. Entgegenkommende Wanderer weisen uns den vermeintlichen Weg. Eine gute halbe Stunde später lichtet sich der Wald. Doch die Enttäuschung kommt direkt: Es war leider nicht der richtige Weg und die Aussicht am „Kingsview“ ist nicht annähernd so gut wie am „Queensview“. Noch immer ca. eine Stunde bis die Sonne hinterm Horizont verschwindet, also schnell den Weg zurück.

Auf Nachfrage im Hotel am Parkplatz erfahren wir, dass der eigentliche Spot direkt an der Straße liegt und wir praktisch daran vorbeigefahren sind… Na toll… Also wieder ins Auto und ca. 2 km zurück fahren und tatsächlich, da ist der Aussichtspunkt – und „schwätzt nix“! Leider ist der richtig schöne Teil des Sonnenuntergangs inzwischen vorbei. Aber immerhin gibt es noch einige schöne Nachtaufnahmen und ein tolles Picknick mit genialer Aussicht!

Doch es bleibt auch jetzt nicht lange zum Verweilen, denn der Wecker ist schon für 23.00 Uhr (Milchstraße) und 4:30 Uhr (Sonnenaufgang) gestellt und vorher wollen wir dann doch noch eine Mütze Schlaf mitnehmen. Also Gepäck auf den Vordersitzen verstauen, Rückbank umklappen, ISO- Matten aufblasen und ab in den Schlafsack – achja und Fenster einen Spalt öffnen nicht vergessen, sonst wachen wir womöglich gar nicht mehr auf …
Aber genau das lässt uns schon kurz später erst recht nicht schlafen, denn leider ist der Aussichtspunkt auch bei den Norwegern recht beliebt und einige andere Autos trudeln auf dem Parkplatz ein, deren Insassen allerdings leider noch überhaupt nicht an schlafen denken! Nach einer halben Stunde haben wir das laute Lachen und die laufenden Motoren satt und fahren wieder in Richtung Wanderparkplatz – viel Zeit zum Schlafen bleibt uns jetzt wirklich nicht mehr!

23.00 Uhr – der Wecker klingelt zum ersten Mal heute Nacht – Zeit für die Milchstraße. Ein Blick aus dem Auto und… Ernüchterung: eine dicke Wolkendecke am Himmel. So wird das leider nichts, aber gut, dann halt doch nochmal weiterschlafen.

04.30 Uhr – hatten wir die Augen überhaupt schon zu? Naja egal, jetzt schnell das Auto wieder in den Fahrmodus versetzen und los zum Sonnenaufgangsspot unten am Fjord!

Der ist nur gar nicht so einfach auszumachen wie gedacht. Die meisten Fjordzugänge sind nämlich privat – damit hatten wir nicht gerechnet, sieht man aber halt auf Google Maps auch nicht wirklich und wenn man dann noch nie dort war… Ich will schon entnervt aufgeben, aber Katja besteht darauf, dass wir noch einen letzten Feldweg zum Wasser ausprobieren – und siehe da, wir landen direkt an einem kleinen Parkplatz mit direktem Zugang zum Fjord. Was für ein Glück und wie gut, zu zweit unterwegs zu sein, um sich solchen Frustrationstiefpunkten gegenseitig zu motivieren! Schon wenige Minuten später wird unsere Ausdauer mit einem wunderschönen Sonnenaufgang belohnt!

Sunrise Tyrifjord

Sonnenaufgang am Tyrifjord

In der Landschaftsfotografie braucht man neben guter Planung eben tatsächlich auch eine hohe Frustrationsgrenze. Es gibt einfach zu viele externe Einflussfaktoren, die sich nicht immer exakt im Voraus kalkulieren oder ausmerzen lassen und die dann „das“ geplante Foto unmöglich machen – in Norwegen allen voran die schnell kommen und gehenden Wolken. Und dann heißt es auch mal improvisieren, flexibel und spontan Pläne ändern und wenn man dann doch noch zu einem super Foto kommt ist es umso genialer!

Zufrieden mit einigen sehr guten Bildern geht es dann in der Morgensonne nochmal in den gemütlichen Schlafsack.

Locations scouten ist wichtig!

Als uns die warme Mittagssonne auf den Bauch scheint, frühstücken wir noch in den Schlafsäcken Zitronenkuchen und Zimtschnecken, betreiben ein bisschen Katzenwäsche und dann heißt es schon mal Sonnenaufgangslocation für den nächsten Tag scouten, weil wir auch dazu mal wieder zuvor nur eine recht unbestimmte Ortsangabe hatten.

Nach kurzer Fahrt befinden wir uns schon wieder auf einem Waldweg mitten im Nirgendwo und Schlaglochparty ist angesagt. Sind wir etwa schon wieder falsch?
Mitten im Wald steht plötzlich ein bunt beklebter Bus am Wegesrand, an solche Kuriositäten sind wir ja inzwischen schon fast gewöhnt und hinterfragen sie schon gar nicht mehr groß – wir fahren weiter.

Bus

Bus – Warum? – iPhone Shot

Und tatsächlich findet sich auch am Ende dieses Weges wieder ein Parkplatz mit zwei Autos, wer hätte es gedacht 😀 Etwas eigenartig sind die recht nahe scheinenden Schüsse, die regelmäßig aus dem Wald vor uns schallen. Norweger gehen ja gerne jagen – hoffen wir mal das deutsche Fotografen nicht auf der Speisekarte für heute stehen 😛

Vom Parkplatz aus führen zwei Wege in den Wald, wir entscheiden uns für die rechte Abzweigung. Eine knappe halbe Stunde später finden wir eine Hütte direkt am Waldsee. Es ist zwar nicht der ursprünglich geplante Spot aber das sind wir ja inzwischen gewohnt und der Platz ist ja auch ziemlich nice – noch kurz in PhotoPills den Sonnenstand am nächsten Morgen gecheckt – Ideal für den Sonnenaufgang, sehr gut 🙂

Auch das überrascht: Mitten am letzten Waldsee haben wir besseres Internet als in unserem Zimmer in Oslo. Eigentlich ist Norwegen Internettechnisch halt traumhaft ausgebaut – nur nicht in unserer Bleibe…

Wir wollen gerade aufbrechen, als die bisher fernen Glockengeräusche plötzlich lauter werden. Wahrscheinlich eine Herde Kühe, Ziegen oder Schafe, die auf dem kleinen Trampelpfad Richtung Hütte unterwegs sind. Also schnell die Kamera wieder ausgepackt und hinter der nächsten Kurve platziert, da lugt das erste Schaf auch schon vorsichtig um den Baum.  Blöd, dass ich jetzt nur das Weitwinkelzoom dabei habe, richtig nah kann ich also nicht ran. Immerhin ist die A7rii im Einsatz, da kann ich wenigstens in der Nachbearbeitung etwas croppen.

Ich kann noch ein paar tolle Bilder machen bevor das Mutterschaf mit seinen zwei Kleinen eilends durchs Gebüsch verschwindet – erstaunlich wie schnell so ein dickes Schaf werden kann!

Sheep - Norway

Was willst du denn hier?! – Geh weg!

Jetzt müssen wir aber auch weiter, schließlich wollen wir nicht schon wieder den Sonnenuntergang verpassen. Als Spot habe ich mir für heute den Rossholmstranda am Tyrifjord ausgesucht, eine tolle Kulisse und dazu auch noch gratis Campingmöglichkeit mit Toilette und Waschmöglichkeit – die sind sogar noch deutlich sauberer als die meisten Bezahlklos an deutschen Autobahnen – ich mag die Norweger!

Nach dem Sonnenuntergang können wir hier also auch gleich unser Nachtlager aufschlagen. So langsam merken wir auch, dass wir seit dem Frühstück nichts mehr zu Essen hatten – mittlerweile ist es 20 Uhr. Aber an Essen ist zumindest bei mir erstmal trotzdem noch nicht zu denken, denn die Sonne geht gleich unter. Leider sind die schönen Wolken von heute Mittag inzwischen verschwunden, so dass es nicht ganz so beeindruckend ist wie erhofft.

Und wieder klingelt um 23 Uhr der Wecker und diesmal sind aus dem Autofenster heraus sogar tatsächlich Sterne zu sehen! Also schälen wir uns raus aus dem Schlafsack und packen uns dick ein – so eine klare Nacht ist halt auch arschkalt! Unten am Strand kommt dann doch noch Ernüchterung: Es ist wirklich sternenklar, aber direkt vor der Milchstraße sind voll die Schleierwolken … Stichwort: Frustrationsgrenze!

Jetzt sind wir ja eh schon wach, also werden auch Fotos gemacht! Es entstehen doch ein paar ganz schöne Aufnahmen – einige sogar, mit einem versteckten „Easteregg“ – Findest du es?

Milkyway - Rossholmstranda - Norway

Milkyway – Rossholmstranda – Wer findet das Easteregg?

Danach geht es wieder für 3,5 h ins diese Nacht schon nicht mehr so kuschelig warme Auto.

Es kommt mir so vor als hätte ich noch keine 5 Minuten geschlafen als der Wecker erneut auf sich aufmerksam macht, so langsam wird’s anstrengend…

Angekommen am tags zuvor besichtigten Spot am Waldsee bietet sich dafür eine atemberaubend wunderschöne Morgenstimmung – absolut stilles Wasser mit leichten Nebelschwaden und dem verzauberten Licht kurz vor Sonnenaufgang. Ich weiß gar nicht, wo ich mich zuerst hinstellen soll – insgesamt fotografiere ich letztlich knapp drei Stunden ohne Pause, wiedermal hat sich das Aufstehen gelohnt!

Hidden Place - Norway

Am Waldsee – Fernab der Zivilisation

Tagsüber suchen wir noch nach weiteren Spots für zukünftige Fotoausflüge bevor es dann gegen Nachmittag nochmal zum Queensview geht. Da kann ich dann sogar noch einige Paraglider ablichten, bevor ich noch einmal die letzten Sonnenstrahlen des Tages festhalte und wir uns wieder auf den Weg zurück nach Oslo machen. Wir sind echt erschöpft, ein bisschen stinkend aber auch mega glücklich als wir um halb 11 heimkommen. Nur noch schnell unter die Dusche und ab ins weiche Bett – was für eine Wohltat!

dsc02612

Paraglider am Queensview

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